Die 1. Veranstaltung des SwissDIGIN-Forums, die knapp 70 Teilnehmer aus 46 Firmen nach Basel an die FHBB lockte, stand ganz im Zeichen der Themen Archivierung und Interoperabilität.


Dem Eidgenössischen Finanzdepartement ist es bekanntlich beinahe gelungen, der Schweizer EBPP-Community die Freude an der elektronischen Rechnungsstellung mit einer sehr anforderungsreichen und interpretationsbedürftigen Verordnung über elektronisch übermittelte Daten und Informationen (ElDI-V) zu vergällen. Die Revision dieses Dokuments ist eingeleitet, aber bereits ein Jahr überfällig.

Entsprechend aufmerksam lauschten die Teilnehmenden den Ausführungen von Füsprecher Pierre Scheuner, stellvertretendem Sektionschef Rechtswesen bei der ESTV, der sehr konkret darlegte, wie elektronische Rechnungen beim Rechnungssteller bzw. -empfänger steuer- und auch handelsrechtlich konform archiviert werden können. Im anschliessenden Workshop stellte sich heraus, dass auch unter den anwesenden Fachpersonen noch nicht alle Unklarheiten beseitigt waren. Eine präzisierte Zusammenfassung der Richtlinien und Vorschriften wird jedoch demnächst verfügbar sein und einen wertvollen Leitfaden darstellen.

Die beiden Fallbeispiele von Novartis Pharma und Basler Versicherungen belegten überzeugend die Machbarkeit und die Kostensparpotentiale (70% bzw. 40%) einer EBPP-Integration mit Schlüssellieferanten. Auffällig war hingegen, dass die Prozesskosten pro verarbeiteter Rechnung bei Novartis auf CHF 15 und bei den Basler Versicherungen auf CHF 100 veranschlagt wurden. Dabei ist zu berücksichtigen, dass es sich bei der Basler um Bestellungen ohne Bestellbezug handelt, die naturgemäss einen aufwändigeren Workflow verursachen. Trotzdem: Sind die Unternehmen wirklich so unterschiedlich organisiert, oder ist Prozesskostenermittlung immer noch mehr Glücksspiel als exakte Wissenschaft? Schwer zu sagen, aber für die ROI-Berechnung doch nicht ganz irrelevant...

Wie bei international aufgestellten Unternehmen mit vielen unterschiedlichen Lieferanten nicht anders zu erwarten, wurde in den Referaten der Ruf nach einem "Roaming" zwischen den diversen EBPP Service Providern laut. Eine Umfrage der FHBB bei den sechs im SwissDIGIN-Forum aktiven Anbietern (AbaNet, io-market, PayNet, Pentag, Postfinance und Swisscom IT Services) ergab, dass die Interoperabilität mindestens gegenüber den inländischen Mitsteitern überall auf der Traktandenliste steht. Von grösserer Relevanz dürften dabei die Vernetzung von PayNet und Postfinance (hier haben "erste Gespräche stattgefunden") sowie von Swisscom IT Solutions und Postfinance (Empfang und Versand signierter Rechnungen geplant per Q2/2006) bzw. PayNet (Deadline Q4/2006) sein.

Auf dem internationalen Parkett tanzen die schweizerischen Service Provider derzeit offensichtlich noch etwas behäbiger. Abgesehen von Swisscom, die auf eine 10jährige Tradition weltweiter Interconnects mit EDIFACT Clearing Centers bauen kann, und Pentag, die sich mit Ihrem deutschen Partner die Software-Plattform teilt, sorgt lediglich PayNet für einen Lichtblick. Dort will man bis im 2. Quartal des nächsten Jahres mit der Deutschen Post zu Potte kommen. PayNet kommuniziert auch eine konkrete Strategie für die internationale Interoperabilität: wo kein geeigneter Partner existiert, wird von einem internen Team abgeklärt, ob direkte Anbindungen unter Berücksichtigung aller rechtlichen Aspekte (zB Pseudonyme in Zertifikaten, die hierzulande im Gegensatz zu anderen Ländern nicht erlaubt sind) möglich sind.

Die rechtliche Lage birgt in der Tat auch im Bereich der Interoperabilität noch einige Tücken. So kann es aus technischen Gründen sinnvoll erscheinen, den letzten Partner in der Übertragungskette mit der Signatur des übermittelten Dokuments zu betrauen. Dies bedeutet aber wiederum, dass eine Delegation der Signaturkompetenz unter Umständen nicht nur an den eigenen Service Provider, sondern auch den Service Provider des Rechnungsempfängers erfolgen müsste.

So kommen letztlich Beziehungen zustande, die auch unter dem finanziellen Gesichtspunkt nicht unbedingt gewünscht sind. Wie beim Mobiltelefon-Roaming soll es nämlich so sein, dass man nur vom eigenen Service Provider Rechnungen erhält und für die Nutzung der vernetzten Systeme eine Art "Roaming Charge" verrechnet wird.


Eine Pressemitteilung der FHBB zur Veranstaltung (inklusive der bereinigten Arbeitsdokumente) wird ca. Mitte Dezember erscheinen.
Die nächste Veranstaltung des SwissDIGIN-Forums ist für den 21.6.2006 geplant.